„In Berlin leben und arbeiten — mit Rheuma“

Veranstaltung der Deutschen Rheuma-Liga Berlin e.V. mit den gesundheitspolitischen Sprechern der Parteien im Abgeordnetenhaus im Vorfeld der diesjährigen Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus

Moderation: Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle,
Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Rheuma-Liga 

Donnerstag, 19. Mai 2011, 18.00-19.30 Uhr, Rheuma-Liga-Treffpunkt Charlottenburg, Untergeschoss AOK, Zillestr. 10, 10585 Berlin

 

Rheumaplanung für Berlin gefordert 

3.000 Menschen in Berlin erkranken jedes Jahr neu an entzündlichem Rheuma, davon 75 Kinder. Früherkennung und rechtzeitige Therapie sind entscheidend für den Krankheitsverlauf, doch in der Region herrscht ein akuter Versorgungsnotstand an Rheumatologen. Die Folgen: Wartezeiten beim Facharzt von mehreren Monaten, Verzögerungen bei frühzeitiger Diagnosestellung und Therapieeinleitung sowie Anstieg der Krankheitskosten. Erschreckende Zahlen, die eine Studie der Deutschen Rheuma-Liga Berlin unter Rheumakranken zwischen 30 und 50 Jahren ergeben hat, belegen ferner, dass jeder dritte Betroffene berentet oder arbeitslos und somit krankheitsbedingt massiv beeinträchtig ist. Die Hälfte der jungen und mittelalten Rheumatiker muss zudem mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 1.500,00 Euro auskommen – jeder Dritte sogar mit weniger als 1.000,00 Euro.

 

Ein Missstand in der Versorgungsfrage und der „Inklusion“ der aktuell 150.000 rheumakranken Menschen in Berlin, auf den die Deutsche Rheuma-Liga Berlin seit Jahren hinweist und für den sie sich bei Krankenkassen, Rentenversicherung und Politikern für eine Lösung stark macht. So auch aktuell bei einer Veranstaltung am 19. Mai 2011: Im Vorfeld der diesjährigen Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2011 lud die Selbsthilfeorganisation unter dem Thema „In Berlin leben und arbeiten – mit Rheuma“ Abgeordnete aller im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien zum Gespräch ein und stellte ihnen vor fast 100 Rheuma-Betroffenen insbesondere die Herausforderungen für junge Rheumakranke und Rheumatiker in den mittleren Jahren vor. Denn in den Wahlprogrammen, die die Rheuma-Liga vorab studiert hatte, stehe vergleichsweise wenig zur Gesundheitspolitik und den speziellen Lebens- und Arbeitsbedingungen (junger) chronisch kranker Menschen, wie Frau Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle betonte. Sie leitete als Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Rheuma-Liga die Debatte und fragte bei den Abgeordneten nach, was diese nach den Wahlen in Regierungsverantwortung anders machen würden: „…angesichts dessen, dass Berlin zwar politisch interessant und kulturell vielfältig ist, aber auch eine der ärmsten Städte Deutschlands mit einer der höchsten Arbeitslosenrate und öffentlicher Verschuldung?“

 

Eindrucksvoll wurden die Zahlen und Studien zur Berufstätigkeit chronisch rheumakranker Menschen mit Leben gefüllt: Eine Betroffene mit schwerer rheumatoider Arthritis, die, beruflich selbständig, im Rollstuhl sitzt, berichtete über ihre Probleme mit der Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden und im städtischen Nahverkehr, zum Beispiel was absenkbare Busse oder die vielen Baustellen der Stadt betrifft. „Muss ich wirklich bis zum Jahr 2020 warten, bis alle Bahnhöfe barrierefrei sind?“ Eine andere Rheumakranke erzählte, wie tragisch es für sie und ihre persönliche und berufliche Lebensplanung war, als junge Frau an Rheuma zu erkranken und letztendlich in „Rente“ gehen zu müssen – ihr Betrieb hatte keine Anpassung des Arbeitsplatzes an die Besonderheiten eines chronischen Rheumatikers vorgenommen, sondern im Gegenteil auf Übernahme von Frühschichten statt auf Einsätzen im späteren Tagesverlauf bestanden. Da hat es die dritte Betroffene, jetzt Anfang Dreißig, an ihrem Arbeitsplatz mit krankheitsgerechten Bedingungen besser getroffen. Sie musste stattdessen mit Problemen bei der Diagnosestellung kämpfen: Als sie im Alter von etwa zwanzig Jahren an Rheuma erkrankte, unterstellten ihr die Ärzte zunächst eine psychische Krankheit, da Rheuma so junge Menschen gar nicht betreffe. Inzwischen medikamentös gut eingestellt und betreut, macht sie sich Gedanken um die Zukunft: Sie hat jetzt schon viele Ausgaben zu leisten und fragt sich, wie die Altersvorsorge oder auch die Versorgung bei einer plötzlichen Berufsunfähigkeit aussieht – da sie als chronisch Kranke in keine Berufsunfähigkeitsrente einsteigen kann.

 

Dr. Helmut Sörensen, Präsident der Deutschen Rheuma-Liga Berlin, stellte die persönlichen und beispielhaften Schicksale in einen allgemeinen Zusammenhang mit dem Versorgungsnotstand: „Es fehlen die Hälfte der erforderlichen Rheumatologen – sich für mehr Zulassungen bei der Kassenärztlichen Vereinigung stark zu machen, ist ein Politikum“, betonte er, und führte weiter aus: „Wir brauchen dringend mehr Rheumatologen und die richtigen Voraussetzungen dafür, dass sich ihre Anzahl erhöht – ohne dass dadurch die Vergütung der vorhandenen Rheumatologen sinkt.“ Die Wartezeit der Patienten auf einen Termin bei einem Rheumatologen zu verringern, sei eines der dringenden Kernanliegen der Selbsthilfe und im Sinne einer bestmöglichen Früherkennung und Frühbehandlung.

 

Frau Prof. Gromnica-Ihle bezog als Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Rheuma-Liga zu den Eckpunkten des Versorgungsgesetzes der Bundesregierung unter dem Blickwinkel einer verbesserten medizinischen Versorgung rheumakranker Menschen Stellung. Nach den Eckpunkten soll eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen werden, die eine Versorgung mit Ärzten verbessern könnten: Unter anderem sollen die Planung des Bedarfs an Ärzten flexibler erfolgen und die demografische Entwicklung berücksichtigt werden. Bei einer Fortführung der bisher in der Bedarfsplanungsrichtlinie festgesetzten Arztgruppen ohne eine weitere Differenzierung der Schwerpunkte im Bereich der Inneren Medizin kann nach ihrer Einschätzung keine wesentliche Verbesserung der Versorgung für rheumakranke Menschen erreicht werden. “Wir fordern ganz klar eigene Verhältniszahlen für die Rheumatologie“, so Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle. Eine Erweiterung der Möglichkeiten zur Erteilung von Sonderbedarfszulassungen allein werde das Problem nicht lösen.

 

Gespannt verfolgten die Mitglieder und Interessierten im Publikum die Debatte zwischen den Politikern und beteiligten sich engagiert an der insgesamt zweistündigen Diskussion insbesondere mit Forderungen nach mehr Barrierefreiheit in Berlin, einer schnelleren Bearbeitung von Anträgen durch die Versorgungsämter und einer besseren Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

 

Die Vertreter der Parteien nahmen die Frage nach beruflicher Teilhabe und der Versorgungslage rheumakranker Menschen als wichtige Themen mit in den Wahlkampf, in dem es Thomas Isenberg, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, um eine durch ein Aktionsbündnis gesicherte „soziale Stadt“ geht, Dr. Wolfgang Albers, gesundheitspolitischer Sprecher Die Linke, für ein „soziales Berlin“ kämpfen will, Oliver Schruoffeneger, haushaltspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, für „eine Stadt für alle“ plädiert und Dr. Claudia Wein, Amtsärztin in Lichtenberg, beratendes Mitglied im Arbeitskreis Gesundheit/Soziales der CDU-Fraktion und Spitzenkandidatin der CDU für die Bezirksverordnetenversammlung in Steglitz-Zehlendorf, Lösungen für die wichtigsten Probleme Berlins unter dem Motto „das muss sich ändern“ fordert. Die FDP war ebenfalls eingeladen, nahm jedoch nicht teil.

 

Positiv bewertete die Deutsche Rheuma-Liga Berlin das Interesse der Politik am Dialog, das sich sowohl durch die hochkarätige Teilnahme der Parteien an der Veranstaltung als auch durch Aussagen zu einer gesonderten „Rheumaplanung“ zeigte. Die Selbsthilfe rheumakranker Menschen wird diese in künftigen Gesprächen mit der Politik weiterhin fordern und die Ergebnisse veröffentlichen.

von oben nach unten:

Moderation und Leitung: Frau Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle, Präsidentin Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband.

Herr Dr. Wolfgang Albers, Die Linke, gesundheitspolitischer Sprecher.

Herr Thomas Isenberg, SPD, gesundheitspolitischer Sprecher.

Frau Dr. Claudia Wein, CDU, Kandidatin Bezirksverordnetenversammlung.

Herr Oliver Schruoffeneger, Bündnis 90/Die Grünen, haushaltspolitischer Sprecher.